Kerstins Bücherreich

„Der Bücherwurm liest sogar die Bücher, die er rezensiert.“ Gabriel Laub (1928-98)

Category: Literatur allg.

 

Autor:

Lize Spit
Verlag: S. Fischer
ISBN-10: 3103972822
Gebundene Ausgabe 505 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

Sprachlich brillantes Debüt, das an die Grenzen geht und darüber hinaus

Inhalt:

Eva wächst mit ihren Geschwistern in einem desolaten Elternhaus auf. Für die kleine Tesje, die zunehmend Zwangsstörungen entwickelt, ist sie der einzige Halt und Ruhepunkt, denn die alkoholkranken und depressiven Eltern haben genug mit sich selbst zu tun. Um ab und an der Verantwortung zu entfliehen, sucht sie jede Gelegenheit, mit ihren gleichaltrigen Freunden Pim und Laurens abzuhängen. Doch der Sommer 2002 ändert alles. Die zunehmende Entdeckung der Sexualität bei den Teenagern entwickelt sich zu einer Spirale aus Abhängigkeit und Obszönität und eskaliert schließlich in erschreckendem Ausmaß.

Dreizehn Jahre später kehrt Eva zurück in ihr Heimatdorf, im Kofferraum einen Eisblock …

Meine Meinung:

Der Debütroman von Lize Spit ist tatsächlich eines der am längsten nachhallenden Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Gerade der sachliche, nüchterne Erzählstil schockiert unzählige Male zutiefst. Der Autorin gelingt es meisterhaft, permanent Fragen aufzuwerfen, die ein Ablassen von der Lektüre nahezu unmöglich machen.

Ich durfte den Roman im Rahmen einer Leserunde lesen und habe so nach ca. je 100 Seiten eine kleine Pause eingelegt, um das Gelesene sacken zu lassen. Dies war auch gut so, denn einiges ist wirklich schwer erträglich. Dabei liegt über allem permanent eine so unheilvolle Stimmung, dass ich jedes Mal Angst hatte, einen neuen Abschnitt zu beginnen, mich der Faszination jedoch trotzdem nicht entziehen konnte. Besonders der letzte Abschnitt ist harte Kost, die ganz sicher nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Um es deutlich zu sagen, Gefallen wird niemand an dem Dargestellten finden, jedoch braucht es im Rahmen dieser Geschichte wahrscheinlich auch diese Deutlichkeit, um das Unfassbare auszusprechen. So kann sich der Leser nicht entziehen, wie es die gesamte Dorfgemeinschaft im Verlaufe des Buches so erfolgreich praktiziert.

Die Geschichte wird aus Evas Sicht erzählt, die einmal ins Jahr des verhängnisvollen Sommers 2002 schwenkt und dort auch Anekdoten aus früheren Jahren einfließen lässt und die Gegenwart im Halbstundentakt hin zu einem dramatischen Finale beleuchtet.

Wirkliche Sympathieträger gibt es im Buch kaum, am ehesten noch die kleine Tesje, die furchtbar unter den Zuständen in ihrem Zuhause leidet. Bei Eva selbst bin ich zwiegespalten. In ihrem Wunsch dazuzugehören, verpasst sie meines Erachtens den Absprung und lässt viel zu viel mit sich machen, was ihr unweigerlich zum Verhängnis wird. Ein wenig genervt hat mich irgendwann der totale Fokus auf dem Thema Sex. Für die 14jährigen Jungs, aber auch für Eva scheint es kaum etwas anderes zu geben. Ist dies der Enge der Dorfgemeinschaft geschuldet?

Große Themen sind auch die Ignoranz der Mitmenschen bei gleichzeitiger Sensationslüsternheit. Man schaut nur zu, ergötzt sich am Elend und unternimmt nichts. Man hört ja immer wieder von so schrecklichen Geschichten, wenn ein jahrelanges Martyrium aufgedeckt wird. Noch viel größer wird die Dunkelziffer sein. Doch ich mag mir wirklich nicht vorstellen, dass diese Geschichte mehr als bloße Fiktion ist.

Sprachlich und auch vom dramaturgischen Aufbau her fand ich den Roman brillant. Es gibt unzählige Sätze, die einen dicken Kloß im Hals hinterlassen, einem sogar die Tränen in die Augen treiben. Wer sich einlässt, bekommt hier wirklich einiges geboten. Auf eine depressive Grundstimmung, eine ständig lauernde Bedrohung, perverse Handlungen, die die Ekelgrenze oft nicht nur streifen, sollte sich der Leser allerdings einlassen. Wie es auf dem wirklich schönen Bucheinband heißt: Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.

Kerstin at Dienstag, Oktober 10th, 2017 | Filed under: Frauen,Literatur allg.,Spit, Lize | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Susanna Ernst
Verlag: Knaur
ISBN-10: 3426519054
Taschenbuch: 478 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Die Hoffnung sollte nie aufhören, in uns zu leben

Zum Inhalt:

Nach einem schrecklichen Brand, der ihn seine liebsten Angehörigen kostet, landet der 13jährige Jonah in einem Waisenhaus. Doch dort ist es längst nicht so schrecklich, wie er befürchtet hatte. Im Gegenteil, die Betreuer sind einfühlsam und geben sich alle Mühe, jeden individuell zu fördern. Alle Kinder da haben Schreckliches durchmachen müssen, doch vor allem die 11jährige Katie hat es Jonah angetan. Ihr Schicksal ist besonders tragisch und sie hat seit 3 Jahren kein Wort gesprochen. Mit viel Einfühlungsvermögen und Geduld gelingt es Jonah, das Mädchen zurück ins Leben und zum Sprechen zu bringen. Aus der innigen Freundschaft keimt eine zarte Liebe. Doch kaum ist Jonah 17 und träumt von einer Zukunft mit Katie, wird sie ihm wieder entrissen und verschwindet spurlos. Seine Hoffnung und der Glaube an ihre Liebe ist jedoch so groß, dass er sie nach knapp 20 Jahren endlich wiederfindet. Doch die Zeichen für ein gemeinsames Leben könnten nicht schlechter stehen …

Meine Meinung:

Anders als das Cover des Romans vielleicht vermuten lässt, haben wir es bei Susanna Ernsts neuem Roman nicht mit einer lockerleichten Romanze, sondern eher mit einem tragischen Schicksalsroman zu tun, der sich zum Schluss hin sogar noch in einen wahren Krimi verwandelt. Er bietet also eine Vielzahl von Facetten und regt außerdem enorm zum Nachdenken an, was ich unheimlich gern mag.

Das Buch ist zweigeteilt und erzählt einmal rückblickend das Kennenlernen und die Zeit im Heim von Jonah, Katie und den anderen Kindern. Der weitaus größere Teil spielt dann im Jahr 2015 in der Gegenwart, wo beide Protagonisten bereits die 30 überschritten haben.

Beide Teile lesen sich dann auch sehr unterschiedlich. Ist man im ersten Teil erst mal erschüttert über die Schicksale der Kinder, so nimmt einen die Autorin dann mit auf die Reise einer tiefgehenden Freundschaft, die in einer bezaubernden Liebesgeschichte gipfelt. Neben den Hauptfiguren ist hier besonders der liebenswerte Milow zu erwähnen, den ich sofort in mein Herz geschlossen habe und der schlussendlich auch für so einige Tränen bei mir gesorgt hat. Aber auch die anderen Nebenfiguren wie Ruby oder die Betreuer des Heims kann man nur gernhaben. Man fühlt so richtig mit, hat ebenso wie die Kinder die Hoffnung, dass nun alles gut wird.

Dann ist schlagartig alles anders. Knapp 20 Jahre sind vergangen, es gibt nur noch Trauer, Verlust, Sehnsucht. Es war zwar für mich schon ein arg großer Zufall, wie Jonah schließlich wieder auf Katie stößt, aber irgendwie mussten sie ja erneut zusammenfinden. Plötzlich findet man sich als Leser in einer kriminellen Welt wieder, wo Menschen- und Drogenhandel, Prostitution und Gewalt an der Tagesordnung sind. Auch dieser Teil hat mich restlos überzeugt und es macht wirklich Hoffnung, dass es eine Liebe wie die von Jonah geben könnte, deren Tiefe die Zeiten überdauert, ohne im Geringsten nachzulassen.

Mehrere überraschende Wendungen und vor allem die Spannung gegen Ende machen es nun unmöglich, das Buch zur Seite zu legen. Es gibt wundervoll romantische Momente, Szenen, die mich vor Schock erstarren ließen und auch Sätze, die zu Tränen rührten.

Lieblingszitat: „Wir lieben einander – mit jeder einzelnen Narbe, die wir im Laufe der Zeit davongetragen haben. Zusammen ergeben die Scherben unserer Seelen ein wunderschönes Mosaik.“

Insgesamt hat es die Autorin geschafft, dass ich mal wieder komplett abtauchen konnte in eine Welt, in die man sich eigentlich nicht hineinwünscht, die es aber dennoch wert ist, erzählt zu werden. Ein Plädoyer für die Hoffnung, die man nie verlieren sollte. Danke Susanna, für diese emotionale Achterbahnfahrt, die lange im Gedächtnis haften bleiben wird.

Kerstin at Dienstag, August 16th, 2016 | Filed under: Ernst, Susanna,Frauen,Liebesroman,Literatur allg. | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Elk von Lyck
Verlag: Selfpublishing
ISBN-10: 1533537968
Taschenbuch: 318 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Roman, der zum Nachdenken anregt …

Inhalt:

Der erfolgreiche Anwalt Achim Oster leidet an Schlafproblemen. Als er mal wieder frühmorgens auf einem Berliner Trödelmarkt unterwegs ist, erwirbt er eine Reihe von alten Fotos aus den Zwanziger Jahren. Darunter das Porträt einer Frau, die ihn unglaublich fasziniert und der er bereits in seinen Träumen begegnet zu sein scheint. Auf Anraten seiner Lebensgefährtin sucht er einen Psychotherapeuten auf, um seinen Schlafstörungen auf den Grund zu gehen. Während einer Hypnose wird er in sein früheres Leben als Max Lehnfeldt zurückversetzt, wo er als Maler in Paris tätig war. Dort begegnet ihm auch die Frau auf dem Foto wieder. Trotz der Gefahr, sich zu verlieren, setzt Achim alles daran, seine frühere Existenz restlos aufzuklären.

Meine Meinung:

Bei „Hundert Jahre Liebe“ von Elk von Lyck handelt es sich um eine Neuauflage des bereits 2010 erschienenen Romans „Die Frau am Fenster“. Es handelt sich hier um ein Werk der ruhigeren Töne, das man nicht mal eben schnell wegliest. Im Gegenteil, wer sich richtig Zeit dafür nimmt, wird viele leise Zwischentöne erkennen, die den Roman zu etwas Besonderem machen. Gerade wer sich ein wenig mit Philosophie auseinandergesetzt hat, wird hier bestimmt neue Anregungen finden.

Achims großen Wunsch der Aufarbeitung seiner Vergangenheit als Max Lehnfeldt kann ich sehr gut nachvollziehen. Schließlich muss das Gefühl, ständig ein fehlendes Puzzleteil vor Augen zu haben, kein angenehmes sein. Der Autor entführt den Leser ins aufregende Paris der Zwanziger Jahre, wunderschöne Orte Ostpreußens zwischen den Weltkriegen, die es heute so leider nicht mehr gibt, bis hin nach England und Schottland. Dabei werden vor allem Kunstliebhaber (Malerei, Architektur) und geschichtlich Interessierte voll auf ihre Kosten kommen. Mir persönlich waren die Beschreibungen, vor allem in der Mitte des Buches, manchmal ein wenig zu detailverliebt und ausschweifend. Das bremste den an sich schon recht flüssigen Schreibstil dann doch ein wenig aus.

Die Liebesgeschichte von Fiona und Max bleibt für meinen Geschmack auch ein wenig zu sehr an der Oberfläche. Bis kurz vor Schluss war ich mir nicht mal sicher, ob Max in Fiona nur das perfekte Modell sieht oder wirklich tiefer gehende Gefühle für sie hegt.

Das dramatische Ende von Max und wie sich der Kreis für Achim schlussendlich schließt, fand ich dagegen wieder sehr gelungen. Auf jeden Fall verfügt der Autor über großes Wissen bzw. hat sehr intensiv und bestimmt auch, zumindest im Fall von Ostpreußen, vor Ort recherchiert. Allein das verdient großen Respekt.

Wer intelligente Lektüre sucht, die zum Nachdenken animiert und dabei noch viel interessantes Wissen über Kultur und Geschichte bereithält, wird an „Hundert Jahre Liebe“ sicher Vergnügen finden.

Ich danke dem Autor für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Kerstin at Sonntag, Juli 24th, 2016 | Filed under: Historisch,Literatur allg.,Lyck, von Elk | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Ava Dellaira
Verlag: cbt Verlag
ISBN-10: 3570163148
Gebundene Ausgabe 416 Seiten
Persönliche
Wertung:

 


Heilung durch Öffnung

Inhalt:

Die 15-jährige Laurel hat einiges zu verarbeiten. Neben der Trennung der Eltern ist es vor allem der plötzliche Tod ihrer nur zwei Jahre älteren, über alles geliebten Schwester May, der das Mädchen belastet. Der Start an ihrer neuen Highschool fällt ihr alles andere als leicht, und da ist auch noch ein Junge, Sky, der sie interessiert. Für ein Englischprojekt sollen die Schüler einen Brief an eine verstorbene Persönlichkeit schreiben. Laurel entscheidet sich für Kurt Cobain, den Lieblingssänger ihrer Schwester. Sie gibt den Brief nicht ab, vielmehr entsteht ein – natürlich einseitiger – Briefwechsel mit zumeist jung gestorbenen Idolen, wie Jim Morrison, Janis Joplin, Judy Garland, Heath Ledger oder auch River Phoenix. In diesem ersten Jahr an der Highschool, mit Hilfe der Briefe, findet Laurel zu sich selbst, lernt mit ihrer Trauer umzugehen und sich der Außenwelt zu öffnen.

Meine Meinung:

Mich hat die Idee hinter diesem “Briefroman” sofort fasziniert, und der Debütroman der Autorin Ava Dellaira kann mit Recht als etwas Besonderes angesehen werden. Es ist ihr sehr gut gelungen, in den Briefen sowohl die Lebensgeschichte und teilweise deren vorzeitiges Ende der entsprechenden Berühmtheiten einfließen zu lassen als auch den Alltag des jungen Mädchens und ihren Weg zum Erwachsenwerden zu beleuchten.

Ein paar Kritikpunkte habe ich dennoch. Zum einen kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dass Teenager der heutigen Zeit, auch in den USA, gerade solche Idole haben bzw. ständig mit Musik von z. B. Nirvana, The Doors oder auch Janis Joplin in Berührung kommen. Das geht nicht mal mir so und ich gehöre zur Generation Ü40. Amy Winehouse und Heath Ledger sollten einigen noch ein Begriff sein. Mir sind sie es, ebenso River Phoenix, aber das Buch ist an Leser ab 14 gerichtet.

Zum anderen gibt es auch einige Längen, und die fast schon blinde Heldenverehrung von Amy, die ja ganz offensichtlich keineswegs so großartig gehandelt hat, was auch Laurel weiß, nervt ein wenig. Ich kann Skys Unvermögen, sich auf dieses Glatteis begeben zu wollen, durchaus nachvollziehen. Neben den nebulösen Andeutungen, wie es nun eigentlich zu Amys Tod gekommen ist, spielen Kindheitserinnerungen, ganz normale Highschoolprobleme sowie die erste Liebe eine Rolle. Der eigentliche und erschreckende Hintergrund kommt recht spät zutage, und zwar mit der Gewalt eines Vorschlaghammers.

Hier gelingt es dann der Autorin auch, sehr gefühlvolle Akzente zu setzen und den Leser zutiefst zu berühren. Gegen Ende habe ich mir ein paarmal einige Tränen verdrücken müssen. Man freut sich mit Laurel von Brief zu Brief mehr, wie sie an Mut gewinnt, sich auch mal über Handlungen ihrer Adressaten beschwert, und dabei endlich aus dem Schatten ihrer Schwester heraustritt. Indem sie beginnt, sich zu öffnen, erst ihren Briefpartnern, dann auch den Freunden, verarbeitet sie ihre eigene schlimme Vergangenheit sowie die Trauer um ihre Schwester.

Der Debütroman von Ava Dellaira legt eindrucksvoll Zeugnis ab über das Erwachsenwerden unter schwersten Bedingungen, inklusive Fehltritte und Überreaktionen, und macht Hoffnung, auch schwere Schicksalsschläge wenigstens teilweise unbeschadet überstehen zu können.

Kerstin at Montag, Februar 23rd, 2015 | Filed under: All Age/Jugend,Dellaira, Ava,Literatur allg. | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Jodi Picoult
Verlag: Lübbe
ISBN-10:

3785725027

Gebundene Ausgabe 464 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

Schwieriges Thema brillant aufgearbeitet

Inhalt:

Sechs Jahre lebt Edward Warren bereits in Thailand, als ihn ein Anruf seiner Mutter zurück in die USA ruft. Sein Vater Luke hatte einen schweren Unfall und liegt im Koma. Die Genesungschancen sind minimal. Seine Schwester Cara ist noch nicht achtzehn und so liegt es, da seine Mutter wieder geheiratet hat, an ihm, zu entscheiden, ob er seinen Vater sterben und seine Organe spenden lassen will. Cara, die die letzten Jahre bei ihrem Vater gelebt hat, klammert sich verzweifelt an die Hoffnung und greift schließlich zu drastischen Mitteln.

Meine Meinung:

Ich habe schon einige Romane von Jodi Picoult gelesen und immer wieder greift sie kontroverse Themen auf, die den Leser stets vor die Frage stellen, wie er selbst in diesem Fall entscheiden würde. Dabei schafft sie es hervorragend, beiden Parteien genug Identifikationspotenzial zu verleihen, sodass man sich schwer für eine Seite entscheiden kann. Ehrlich gesagt möchte ich in diesem Fall möglichst auch nie vor solch einer Entscheidung stehen.

Durch den jeweiligen Perspektivwechsel zwischen allen unmittelbar beteiligten Personen bekommt der Leser einen intensiven Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten. Jodi Picoult schreibt fesselnd, teilweise hoch emotional und versteht es, die Sympathien gleichmäßig zu verteilen.

Neben der schwierigen Problematik des „Geräteabschaltens“, über die sich jeder möglichst zu Lebzeiten Gedanken machen sollte, um seinen Angehörigen eine solche Entscheidung zu ersparen, hat mich in diesem Roman auch besonders der Charakter der Hauptfigur angesprochen. Luke Warren ist nämlich nicht irgendjemand, sondern ein berühmter Wolfsforscher. Seine Liebe zu diesen interessanten Geschöpfen geht so weit, dass er sogar seine Familie für zwei Jahre verlässt, um bei einem Wolfsrudel zu leben. Dabei dringt er so tief in ihre Welt ein, dass die Rückkehr ins normale Leben ihm unheimlich schwerfällt. Der Leser erfährt in den Rückblenden, wo die Autorin Luke zu Wort kommen lässt, unheimlich viel über die Lebensweise in einem Rudel. Das mag dem einen oder anderen vielleicht etwas zu viel Information sein, ich fand es unheimlich spannend, da mich Wölfe von jeher faszinieren.

Alles in allem ist Jodi Picoult ein weiteres Mal ein berührender Roman über schwere Entscheidungen in einem fragilen Familienkonstrukt gelungen, der noch lange nachwirkt und ein Nachdenken über die eigene Sterblichkeit zur Folge hat.

Kerstin at Donnerstag, Oktober 2nd, 2014 | Filed under: Literatur allg.,Picoult, Jodi | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Kerstin Hohlfeld
Verlag: bookshouse Verlag
ISBN-10:

9963523072

Taschenbuch 277 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Zwei Hälften eines Lebens, die nur zusammen ein Ganzes ergeben

Inhalt:

Erfolgsverwöhnt, beliebt und begehrt ist die Berliner Radiomoderatorin Irina von Lehnberg. Sie hat es aus eigener Kraft geschafft und würde ihre Vergangenheit am liebsten für immer begraben. Doch ein Brief ihrer ehemaligen Freundin Viola katapultiert sie unwiderruflich dahin zurück – und nach Biebersleben, einen kleinen Ort in der DDR, den sie verabscheut. Alte Wunden reißen auf und Irina muss feststellen, dass erst ihre Kindheit und Jugend als Kathrin Neumann sie zu dem Menschen gemacht haben, der sie heute ist.

Meine Meinung:

Mit „Ein Weg zurück“ hat Kerstin Hohlfeld ein sehr persönliches Buch geschrieben und dabei ihre eigenen Erfahrungen, wie es war, in der DDR aufzuwachsen, einbringen können. Das verleiht dem Roman große Authentizität. Für mich selbst war es ebenso wie für die Protagonistin eine Zeitreise in die Vergangenheit, die manches Schmunzeln, aber auch wehmütige Momente beinhaltete. Leser aus der ehemaligen DDR werden sich sehr gut erinnern können, aber auch, wer bisher wenig bis nichts von den damaligen Gegebenheiten erfahren hat, wird sich durch die lebendige Schreibweise sehr gut in das Geschehen hineindenken können.

Auch wenn es ein paar sehr romantische Momente gibt, ist das Buch kein reiner Liebesroman, sondern eher die Selbstfindung einer sehr mutigen Frau. Manch einem wird Kathrin vielleicht teilweise egoistisch und kalt erscheinen, wenn sich aber nach und nach die Geschichte des kleinen Mädchens entfaltet, das aufgrund ihrer ärmlichen Lebensverhältnisse stets eine Außenseiterstellung innehatte, dann fliegen ihr die Sympathien zu. Sie ist nicht ohne Fehler, aber hat das Herz auf dem rechten Fleck und findet schließlich ihren Frieden mit sich selbst.

Auch alle Nebencharaktere, allen voran die „Gräfin“ sind sehr interessant, vielschichtig und tragen dazu bei, ein rundum gelungenes Lesevergnügen zu bescheren. Der Roman wird getragen von großen Gefühlen, bemisst den Wert wahrer Freundschaft, das alles aber in leisen Tönen, die zum Nachdenken anregen. Eine Geschichte, die ich daher jedem Leser etwas ernsterer Literatur unbedingt ans Herz legen möchte.

Kerstin at Dienstag, Juni 17th, 2014 | Filed under: Frauen,Hohlfeld, Kerstin,Literatur allg. | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Julia Engelmann
Verlag: Goldmann
ISBN-10: 3442482321
Taschenbuch 91 Seiten
Persönliche
Wertung:
,5

 

 

Poesie muss nicht altmodisch sein

Inhalt:

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, o Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Ein Satz, der schon sehr lange in meinem Kopf widerhallt. Jetzt hat die Autorin Julia Engelmann, die vielseitige Psychologie-Studentin aus Bremen, ihren Poetry Slam-Beitrag neben vielen anderen ihrer Texte in einem kleinen Büchlein herausgebracht.

Meine Meinung:

Eigentlich wollte ich mir immer mal einen Gedichtband von Rilke zulegen, doch nun ist es in diesem Genre das erste Werk von Julia Engelmann – „Eines Tages, Baby“ – geworden, dass sofort, als ich davon erfuhr, mein Eigen werden musste. Wie so viele andere auch, hat mich ihr Vortrag „One Day“ beim Bielefelder Hörsaal-Slam mitten ins Herz getroffen. Noch heute kann ich ohne Gänsehaut oder gar einigen Tränchen dem Text nicht folgen.

Nun liegt er schwarz auf weiß vor mir und ist immer noch toll, aber ich gebe zu, auch die besondere Vortragsweise von Julia ist es, die es mir besonders angetan hat. So ist es dann auch neben dem bekannten „One Day“ das „Stille Wasser sind attraktiv“, welches ebenso bei youtube zu finden ist, was mich am meisten anspricht. Ich hoffe wirklich sehr, dass ich Julia mal persönlich bei einem ihrer Auftritte lauschen kann.

Es ist kein Buch, was man hintereinander weg wie einen Roman lesen sollte. Dafür kann man es immer mal wieder zur Hand nehmen, mal hier, mal da in die Welt der Wortakrobatin eintauchen. Überwiegend ist die Richtung immer dieselbe, ein wenig mehr Vielfalt hätte es schon sein können. Dennoch, ich kann den Stil nur bewundern und auch die Botschaft, die hinter allem steht. Man sollte sein Leben im Hier und Jetzt genießen, nicht alles verschieben, den Mut haben, Neues zu probieren und vor allem man selbst sein. Ich wünschte, ich könnte öfter Julias „Ratschlägen“ folgen.

Wer lesen mag, wie viel Schönheit die deutsche Sprache trotz vieler moderner Begriffe bietet, ist mit diesem Buch voller Slam-Texte bestens bedient. Es macht nachdenklich, es macht Mut, aber vor allem berührt es zutiefst.

Sollte jemand wieder wider Erwarten die Slambeiträge noch nicht kennen, hier die Links dazu:

One Day

Stille Wasser …

Kerstin at Montag, Mai 26th, 2014 | Filed under: Engelmann, Julia,Literatur allg. | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Michael Buttler
Verlag: bookshouse
ASIN:

B00E21RRQS

E-Book ca. 48 Seiten
Persönliche
Wertung:
,5

 

 

Die Schatten der Vergangenheit

Inhalt:

Es ist Jahre her, dass Felix mit vier weiteren Studenten die Semesterferien in einem Sommerhaus verbrachte. Es kam zu Spannungen, unerwiderten Gefühlen und schließlich zur Tragödie, die Felix’ Leben für immer verändern sollte. Er kehrt zurück an den Ort des Geschehens, die Geister seiner ehemaligen Freunde immer an seiner Seite. Wird er einen Ausweg finden, Absolution erhalten oder für seine Sünden bezahlen müssen?

Meine Meinung:

Als Erstes ein großes Kompliment an den Verlag für das wunderschöne Cover. Michael Buttler hat mit „Nebelrose“ eine außergewöhnliche Kurzgeschichte geschrieben, in der Schuld und Sühne die zentrale Rolle spielen. Sehr bildhaft beschreibt er Felix’ Rückkehr ins Sommerhaus und wie er sich den Schatten der Vergangenheit stellt. Dabei gelingt ihm ganz hervorragend die Vermischung zwischen Heute und Damals.

Bis ganz zuletzt bleibt unklar, was eigentlich genau passiert ist, sodass der Leser gebannt den Schilderungen des Erzählers folgen muss. Wäre das Unglück zu verhindern gewesen, wenn Felix hier oder da anders reagiert hätte? Eine mühselige Frage, die sich sicher ein jeder in der ein oder anderen Situation schon mal gestellt hat. Felix findet seinen Weg und der Leser bleibt nachdenklich und ein klein wenig melancholisch aufgrund der tragischen Grundstimmung zurück.

Kerstin at Dienstag, Juli 23rd, 2013 | Filed under: Buttler, Michael,Literatur allg. | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Marc Levy
Verlag: Blanvalet
ISBN-10: 3442376580
Taschenbuch 480 Seiten
Persönliche
Wertung:
ausgelesen am: 22.08.2010

 

 

Der Ursprung von allem

Zum Inhalt:

Adrian ist Astrophysiker und sucht nach dem ersten Stern. Um seine weiteren Forschungen zu finanzieren, bewirbt er sich bei einer Stiftung um einen Geldpreis. Dort trifft er eine alte Jugendliebe wieder, die ihm den Preis vor der Nase wegschnappt. Keira ist Archäologin und auf der Suche nach dem ersten Menschen. Ein kleiner Junge an ihrer Ausgrabungsstätte in Afrika schenkte ihr einen rätselhaften Stein, der alsbald zum Angelpunkt einer abenteuerlichen Jagd wird. Eine geheime Organisation will verhindern, dass Adrian und Keira mehr über den Ursprung des Steins herausfinden, denn das könnte alles in Frage stellen, was wir über die Entstehung der Menschheit zu wissen glauben.

Meine Meinung:

In seinem neuen Roman gelingt es Marc Levy den Leser auf eine abenteuerliche Jagd rund um den Globus mitzunehmen, die ihn kaum zu Atem kommen lässt. Gefühlvoll beschreibt er die langsam wieder aufkeimende Liebe zwischen den Protagonisten. Ein wenig naiv erscheint ihre Handlungsweise an einigen Stellen. So hochdekorierten Wissenschaftlern wäre etwas mehr Intellekt zuzutrauen gewesen.

Größtes Manko des Buches ist allerdings, dass es sich nur um die 1. Hälfte einer Geschichte handelt, die mit dem für November 2010 angekündigten „Die erste Nacht“ fortgesetzt wird. Daher auch ein Punkt Abzug für die allgemeine Verlagspolitik. Ich habe absolut nichts gegen Fortsetzungen, aber die Teile sollten doch abgeschlossen sein. Letzten Endes ist man nach Zuklappen des Buches genauso schlau wie vorher, da das wirkliche Geheimnis der Steinfragmente nicht aufgeklärt wird. Vieles bleibt rätselhaft und ungeklärt.

Es wird daher schwerfallen, nun die Geduld aufzubringen und auf die Fortsetzung zu warten. Abschließend kann ich allen, die Abenteuerromane im Stil von Indiana Jones lieben, das Buch empfehlen, würde aber mit dem Lesen warten, bis beide Teile erhältlich sind.

Kerstin at Freitag, April 19th, 2013 | Filed under: Levy, Marc,Liebesroman,Literatur allg. | RSS 2.0 | TB | No Comments

  fliegecover

Autor:

Arno Strobel
Verlag: Eigenpublikation
Taschenbuch 160 Seiten
Persönliche
Wertung:
,5

 

 

 

 

Auch das ist Arno Strobel

Über die Entscheidung des erfolgreichen Thriller-Autors Arno Strobel seine ersten literarischen Gehversuche in eigener Regie in Form eines Kurzgeschichten-Bandes für seine treuen Leser öffentlich zu machen, habe ich mich sehr gefreut. Sei es aus Zeit- oder Entfernungsgründen, nicht vielen ist es möglich, den Autor auf einer seiner Lesungen, wo diese Geschichten bisher als besonderes Schmankerl geboten wurden, live zu erleben und selbst wenn, kommt man dort nur in den Genuss von nicht mehr als 2 oder 3 davon. Nunmehr sind sie für jeden zugänglich, wenn auch nur über den Autor direkt zu beziehen. Interessenten können hier fündig werden und bekommen als Bonus noch eine nette Signatur in ihr Buch.

Aber nun zum Inhalt: In 25 jeweils nur 3-6 Seiten langen Geschichten zeigt Arno, mit welch offenen Augen er durch die Welt geht. Treffsicher nimmt er Kritik am Wandel der Zeit, am Verlust von Werten, an täglichen Alltagssituationen. Manche Geschichten berühren zutiefst, andere sind skurril, wieder andere doppeldeutig. Mit einem Augenzwinkern nimmt der Autor den Leser mit auf eine Reise, die ihn nicht selten zu sich selbst führt. Natürlich hat mir nicht jede Geschichte gleich gut gefallen, aber ein paar, die es mir besonders angetan habe, möchte ich hier doch gern etwas hervorheben.

Bereits das Vorwort ist eine nette Geschichte für sich und zeigt, wie ich finde, welch ein sympathischer Mensch hinter Arno Strobel steckt.

„Die Fliege“

  • herrlich skurril und ein Beweis, dass übertriebene Pedanterie ein schlimmes Ende nehmen kann

„P, PF oder U“

  • eigentlich traurig, wie viel Wahrheit in dieser Geschichte steckt, die natürlich überzogen, aber doch sehr realitätsnah ist

„Der Tanz“

  • eine Geschichte, die einen mit einem strahlenden Lächeln zurücklässt, so wunderbar ist sie

„Mach’s gut, Edda“

  • auch eine herrliche Idee, die bereits als längerer Roman angedacht war und wovon ich immer noch hoffe, dass dieser eines Tages zustande kommt

„Wie damals“

  • mein persönlicher Favorit, sehr kurz, aber jeder Satz trifft mitten ins Herz und ich konnte eine Träne im Augenwinkel nicht verhindern

„Reich“

  • meistens sind es eben doch die kleinen Dinge im Leben, die glücklich machen

„Hochzeitstag“

  • grandios, ich hoffe, es ist nicht zu autobiografisch

„Da habe ich es einfach getan“

  • bitterböse, aber sehr gut nachzuvollziehen

„Schattenspiele“

  • leicht amourös, und wer nicht zu genau liest, bekommt eine tolle Pointe

Von der Aufmachung her ist das Buch recht einfach gehalten. Besonderes Highlight war für mich die Fliege, die täuschend echt wirkt und jedes Kapitel in anderer Form begleitet.

Ich selbst bin überhaupt kein großer Fan von Anthologien oder Kurzgeschichten-Sammlungen, aber dem Schreibstil von Arno Strobel kann ich mich in keiner Form entziehen und ich bin sicher, vielen seiner Leser wird es genauso ergehen.

Kerstin at Mittwoch, Januar 16th, 2013 | Filed under: Literatur allg.,Strobel, Arno | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
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