Kerstins Bücherreich

„Der Bücherwurm liest sogar die Bücher, die er rezensiert.“ Gabriel Laub (1928-98)

Rezension: “Die Bücher, der Junge und die Nacht”

 

Autor:

Kai Meyer
Verlag: Knaur
ISBN-13: 978-3426227848
Gebundene Ausgabe 496 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Hommage an die Welt der Bücher

Zum Inhalt:

Für den Buchbinder Jakob Steinfeld und seinen jüdischen Freund und Angestellten Grigori wird es im Leipzig von 1933 ungemütlich, als das Böse immer mehr die Macht ergreift. Bis unverhofft die Liebe in sein Leben tritt in Gestalt der Verlegertochter Juliana Pallandt. Sie hat ein Buch geschrieben, das sie einzig ihm anvertrauen möchte. Kurz darauf verschwindet sie spurlos.

Im Jahr 1971 erhält Jakobs Sohn Robert Zugang zur Bibliothek der Pallandts, die eine Freundin von ihm nach dem Tod des Familienoberhauptes auflösen soll. Dort macht er eine Entdeckung, die ihn nicht mehr loslässt, ihn auf die Reise in seine eigene turbulente Vergangenheit schickt und auf die Spur des Schicksals seiner Eltern, die er nie kennenlernen durfte, bringt.

Meine Meinung:

Ich bin fast ein wenig sprachlos. Was für ein wunderbar erzählter Roman. Auch wenn ich aus Zeitmangel ziemlich lange gebraucht habe für das Buch, so habe ich doch jede einzelne Seite genossen. Ich konnte mich dem Sog, den die Geschichte auf mich ausübte, einfach nicht entziehen.

Der Roman spielt sich auf drei Zeitebenen ab. 1933 mit der Machtübernahme durch Hitler brechen auch im Leipziger Bücherviertel finstere Zeiten an. Der Autor versteht es hervorragend, die bedrohliche Atmosphäre dieser gefährlichen Zeit, aber auch die Schönheit der Bücherstadt dem Leser zu vermitteln. Beängstigend 1943 die Flucht des 10-jährigen Robert durch das mehr und mehr durch Bomben zerstörte Land. Auch 1971 stellt sich als interessante Zeit heraus, besonders durch die Reise des erwachsenen Robert in die damalige DDR. Ich habe jede der Zeitebenen gleichermaßen geliebt, sodass ich einen jeweiligen Wechsel nicht als Verlust empfand.

Im Gegenteil, sie sind so perfekt aufeinander abgestimmt, dass nur ganz allmählich die ganze Tragik des Schicksals von Roberts Familie offenbart wird. Mit jeder Station, jedem Gespräch fällt ein weiteres Puzzleteil an seinen Platz und macht die Geschichte zu einem perfekten Ganzen. Keine Frage bleibt offen, alles ist in sich stimmig und das würde ich schon als hohe literarische Kunst bezeichnen.

Es gibt nicht so wahnsinnig viele Protagonisten, sodass es nicht schwerfällt, hier den Überblick zu behalten. Ich mochte sowohl Robert als auch seine Eltern und natürlich waren die teils skurrilen und extravaganten Nebenfiguren das Salz in der Suppe.

Neben der einzigartigen Familiengeschichte atmet jede Seite des Buches die Liebe zu Büchern aus. Zwei ungewöhnliche Exemplare, über deren Inhalt man schlussendlich eher weniger erfährt, nehmen eine besondere Stellung ein. Für mich als bibliophilen Menschen waren die Beschreibungen ein wahres Fest.

Geschichtlich und an der Welt der Bücher interessierte Leser werden bei diesem Roman definitiv auf ihre Kosten kommen. Es gibt Spannung, Drama, Gefahr, Liebe und Romantik, auch ein bisschen Humor, alles perfekt ausgeglichen und das Buch zu einem absoluten Lesehighlight machend.

This entry was posted on Samstag, 21. Januar 2023 and is filed under "Historisch, Literatur allg., Meyer, Kai". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

Comments are closed

Kerstins Bücherreich Besucher: web site traffic statistics