Kerstins Bücherreich

„Der Bücherwurm liest sogar die Bücher, die er rezensiert.“ Gabriel Laub (1928-98)

Category: Biografie

 

Autor:

Ginette Kolinka
Verlag: Aufbau digital
ASIN: B081S66N6L
Gebundene Ausgabe 128 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Ergreifender Zeitzeugenbericht

Zum Inhalt:

Ginette Kolinka ist 19, als sie mit Vater, Bruder und Neffe im März 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird. Sie hat als Einzige überlebt und führt noch heute mit fast 95 Schulklassen durch den Ort, an dem sie unvorstellbares Grauen erfahren hat. Jahrzehntelang hat sie geschwiegen. Nun beschreibt sie eindringlich ihre Erlebnisse in Birkenau, ihren Weg dorthin und auch wie sie nach Kriegsende wieder auf die Beine kam.

Meine Meinung:

Es ist nicht mein erstes Buch über den Holocaust und wird sicher nicht mein letztes sein. Auch wenn es streckenweise beinahe körperlich wehtut, über die damals stattgefundenen Grausamkeiten zu lesen, so finde ich es doch immer wieder wichtig, gerade diesen Teil der deutschen Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren. Und das nicht nur vor dem Hintergrund des gerade deutlich spürbaren Rechtsrucks in unserer Gesellschaft.

Ginette Kolinka konnte den größten Teil ihres Lebens nicht über ihre Zeit im KZ sprechen, erst als Steven Spielberg Zeitzeugen für seinen Film „Schindlers Liste“ suchte, brach sie ihr Schweigen. Nicht mehr lange werden wir Berichte aus erster Hand bekommen, deshalb ist es so wichtig, jeder einzelnen Stimme Gehör zu verschaffen.

Die Erlebnisse der Französin werden achronologisch erzählt und beginnen mit der Ankunft in Auschwitz und dem Vorwurf, den sie sich wohl ewig machen wird. In ihrer Naivität riet sie ihrem Vater und Bruder aufgrund ihrer Schwäche die bereitstehenden LKW zu nutzen und schickte sie damit direkt in den sicheren Tod. Die zweite Hälfte des für den geringen Inhalt recht preisintensiven Büchleins befasst sich mit der Gefangennahme und der Zeit nach dem KZ-Aufenthalt. Diese Zeitsprünge wirken teilweise etwas verwirrend.

Von den Grausamkeiten wird sehr sachlich und nüchtern berichtet, was wahrscheinlich aufgrund der Thematik gar nicht anders möglich ist. Einen Tick mehr Emotion hätte ich mir dennoch gewünscht. Es wird auch immer wieder betont, dass sich Ginette gar nicht mehr an alles erinnern kann, was sicher auch ihrem hohen Alter geschuldet ist. Zu den Details brauche ich mich nicht zu äußern. Es erschüttert mich nur jedes Mal wieder aufs Neue, zu was Menschen fähig sind.

Mein erster Besuch in Auschwitz ist für dieses Jahr fest eingeplant und ein wenig habe ich Angst, dem Unbeschreibbaren so nah zu kommen. Dennoch möchte ich mich dieser Vergangenheit stellen.

Das Buch ist ein weiterer wichtiger Beitrag zur Aufklärung der im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten verübten Verbrechen und sollte gleichzeitig als Prävention und Mahnmal Berücksichtigung finden.

Kerstin at Dienstag, Februar 18th, 2020 | Filed under: Biografie,Kolinka, Ginette,Sachbuch | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

Autor:

Martina Wolf, Sabine Reiv
Verlag: Selfpublishing
ISBN: 9781533065537
Taschenbuch: 403 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Schlimmes Schicksal – Ausführung mehr als mangelhaft

Inhalt:

Die Schwestern Martina Wolf und Sabine Reiv haben in ihrer Kindheit Unvorstellbares erleben müssen. Ihr Alltag war gezeichnet von psychischer und physischer Gewalt. Sie haben lang gezögert, ihre Erlebnisse zu veröffentlichen, sich dann aber doch dafür entschieden, um aufzurütteln, die Mitmenschen zu animieren, genauer hinzuschauen und vielleicht rechtzeitig einzugreifen, denn ihnen war dies nicht vergönnt.

Meine Meinung:

Ich möchte die Erlebnisse der Schwestern keinesfalls kleinreden und bewundere sie für ihren Mut, ihre Kindheit auf diesem Weg der Öffentlichkeit nahezubringen. Obwohl einiges unglaubwürdig erscheint, was ich selbstverständlich nicht beurteilen kann, ist es ein wirklich schlimmes Schicksal, das betroffen macht. So weit, so gut. Dafür bin ich auch gewillt, mit viel Augenzudrücken, zwei Sterne in meine Bewertung einfließen zu lassen. Ich wünsche den Autorinnen positive Reaktionen und dass die gemeinsame Aufarbeitung des Erlebten sie persönlich vorwärts bringt.

Nun aber zu den negativen Punkten. Das Buch musste im Selfpublishing erscheinen, denn kein Verlag hätte hier auch nur im Ansatz an eine Veröffentlichung gedacht, zumindest nicht in dieser Form. Jedem Lektor hätten sich die Fußnägel aufgerollt bei dem notwendigen Überarbeitungspotenzial.

Kurzum, das Buch wurde weder lektoriert noch korrigiert. Auf der einen Seite stehen die unzähligen orthografischen Fehler, kaum ein Satz kommt ohne aus, die das flüssige Lesen fast unmöglich machen. Es müssen hunderte, wenn nicht an die tausend sein. Kommas völlig willkürlich, Groß- und Kleinschreibung, Wörter zusammengeschrieben, die niemals zusammengehören und eine furchtbare Grammatik. Dazu kommen jede Menge unnötige Füllwörter, stetige Wiederholungen, krude Satzkonstruktionen. Wenn man eine Sache zum zehnten Mal im gleichen Wortlaut liest, wird es dadurch nicht eindringlicher, sonst nervt irgendwann einfach nur.

Mein Mann hat das Buch auf einer Messe gekauft, ich hätte bereits beim fehlerhaften Klappentext Abstand genommen. In meinem Regal wird es trotz Signatur ganz sicher nicht landen. Vielleicht gab es ja inzwischen eine Überarbeitung und wir haben eine der ersten gedruckten Versionen bekommen. Ansonsten kann ich nicht verstehen, wie Amazon, die wie ich weiß bei fehlerhaften Manuskripten sonst immer sehr kritisch mit ihren Selfpublishern umgehen, dieses Machwerk weiterhin anbieten kann. Handwerklich einfach nur grottenschlecht, ein Ghostwriter wäre hier sicher die beste Lösung gewesen (macht jeder Promi so, der keine Ahnung vom Schreiben hat).

Es ist wirklich schade, aber die Ausführung überschattet den eigentlichen Inhalt des Buches so, dass es ein einziges Ärgernis ist, so viel Geld dafür ausgegeben zu haben.

Kerstin at Freitag, Januar 18th, 2019 | Filed under: Biografie,Reiv, Sabine,Wolf, Martina | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

Autor:

Matt Haig
Verlag: dtv Verlag
ISBN-10: 3423280719
Gebundene Ausgabe 304 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Der Weg zurück vom Abgrund

Inhalt:

Matt Haig ist gerade mal 24, als ihn eine heimtückische Krankheit, scheinbar aus heiterem Himmel, in die Knie zwingt – die Depression. Nur einen winzigen Schritt weiter und dieses Buch wäre nie entstanden, denn der Autor stand im wahrsten Sinne des Wortes am Abgrund. Seine dunkelsten Stunden, die Auslöser, seine komplette Gefühlswelt, aber auch die ersten winzigen Schritte in eine bessere Zukunft beschreibt er in diesem Buch. Dies tut er so gefühlvoll, ehrlich und schonungslos, dass es im Innersten berührt.

Meine Meinung:

Eine sehr gute Freundin hat den Autor Matt Haig für sich entdeckt und mir dieses Buch in dem Wissen empfohlen, dass ich als Angehöriger persönlich von dem Thema betroffen bin. Dafür schulde ich ihr großen Dank.

Auch bei uns gab es die Anzeichen, aber irgendwie war es dann doch wie ein Donnerschlag, als die Depression mit unbeschreiblicher Härte über meine geliebte Mama hereinbrach, ihr jeden Lebensmut nahm und ihren Mann und mich zu hilflosem Zuschauen verdammte. Wir waren in meiner Kindheit viele Jahre auf uns allein gestellt, sie mein wichtigster Bezugspunkt, Mutter, Schwester, Freundin in einem. Was haben wir nicht alles zusammen unternommen – Konzerte, unzählige Theaterbesuche, Buchevents – unvergessliche Erlebnisse. Ihr wahres Alter stets verleugnend, immer fit und agil, voller Tatendrang. Eine Welt, die plötzlich aufhörte zu existieren.

Wer kennt sie nicht, die kleinen depressiven Phasen, wenn alles wenig Sinn zu machen scheint? Sie geben vielleicht einen kleinen Einblick in das Empfinden, wenn eine wahre Depression vorliegt, die nicht nur das Gehirn in seine Einzelteile zu zerlegen scheint, sondern einen auch körperlich an jede Grenze bringt. Wenn jede Bewegung ein Kampf ist, jeder neue Tag ein schier unüberwindliches Hindernis. Nicht Betroffene können es nur im Ansatz verstehen. Matt Haig beschreibt diese Gefühle so real, nachvollziehbar, aber auch schonungslos, dass betroffene Angehörige definitiv ein besseres Verständnis erlangen. Aber er gibt auch Hilfestellung, wie man mit den Betroffenen umgehen, was man auf keinen Fall tun sollte.

Mir persönlich hat das Buch unheimlich viel gegeben. Fernab von jeder wissenschaftlichen Erklärung, die ohnehin nur unbefriedigend wäre, weil die Krankheit so vielfältige Erscheinungsformen hat, bietet er anhand seiner eigenen Erfahrungen Lösungswege, aber er schenkt auch Kraft und Mut, das Schicksal anzunehmen.

Von Beginn an habe ich überlegt, ob es einen Sinn macht, das Buch meiner Mutter zum Lesen zu geben, ob es ihr eine Hilfe sein kann oder eher das Gegenteil bewirkt. Die ganz große und enorm wichtige Aussage des Buches ist: Du bist nicht allein damit und es gibt ein Morgen, vielleicht keine vollständige Heilung, aber Besserung. Aus diesem Grund will ich es versuchen, vor allem auch, da seit dem großen Zusammenbruch inzwischen fast ein Jahr vergangen ist und unsere Erfahrungen zeigen, dass es tatsächlich aufwärts gehen kann. Natürlich gibt es immer wieder Rückschläge, Medikamente sind kein Allheilmittel, aber ein ganz großer Faktor ist tatsächlich die Liebe, wie auch Matt Haig zu berichten weiß.

Er befragte auch viele Betroffene über ihre Gründe, am Leben bleiben zu wollen, was mich besonders beeindruckt hat. Diese sind so unterschiedlich wie der Mensch selbst, aber dennoch ist die Liebe bei sehr vielen der Anker, der sie im Hier und Jetzt hält. Klar, nicht jeder schafft es, aber ich denke, für eine große Anzahl Menschen gibt es ein Danach, Tage, an denen sie wieder rundum glücklich sein können, wo sie die Schatten besiegen. Das Buch kann aus meiner Sicht auch helfen, mit der Krankheit besser umzugehen, ihr den Kampf anzusagen, die Kraft zu finden, es durchzustehen.

Daher ist „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ meiner Meinung nach sowohl für Betroffene als auch ihre Angehörigen ein großes Geschenk, wofür ich dem Autor sehr dankbar bin.

Kerstin at Sonntag, Februar 25th, 2018 | Filed under: Biografie,Haig, Matt,Sachbuch | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Eric Stehfest
Verlag: Edel Books
ISBN-10: 3841905188
Taschenbuch: 288
Persönliche
Wertung:

 

 

Schonungslose Biografie über ein oft verharmlostes Thema

Inhalt:

Sicher ist der Schauspieler Eric Stehfest vielen nicht unbekannt. Wenn nicht vom Namen her, dann durch seine Rolle als Chris Lehmann in der Serie GZSZ oder auch durch seine erfolgreiche Teilnahme bei „Let’s Dance“. Doch Eric hat eine schlimme Vergangenheit. Viele Jahre war er abhängig von Crystal Meth, seine „Schwester Christin“ sein ständiger Begleiter. Doch er schaffte den Absprung, ist heute clean und glücklich mit seiner kleinen Familie. Schonungslos berichtet er in seiner Biografie von dieser berauschenden und doch beinahe tödlichen Zeit und dem Aufbruch in ein besseres Leben.

Meine Meinung:

Ich habe viele Jahre bei GZSZ pausiert, aber jetzt bin ich wieder dabei und mag Eric in seiner Rolle als Chris. Aufmerksam auf ihn bin ich eher durch „Let’s Dance“ geworden, wo ja in Interviews bereits einiges seiner Drogenvergangenheit durchklang. Das hat mich auch dazu gebracht, mir seine Biografie zu Gemüte zu führen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es mir selten so schwerfiel, ein Buch komplett durchzulesen. Da ich jedoch nicht so schnell aufgebe und auch am Happy-End interessiert war, habe ich mich durchgekämpft. Einerseits bewundere ich Eric wirklich für seinen Mut und die Ehrlichkeit, die aus jeder der Zeilen dringt. Andererseits ist es zum großen Teil so geschrieben, als würde er dabei unter Drogen stehen. Klar macht das deutlich, in welcher Gemütslage sich derjenige wohl in dieser Situation befand, aber ich frage mich wirklich, welche Klientel hier angesprochen werden soll. Denn ein bereits Süchtiger wird dem Text nicht folgen können, ein völlig Unbedarfter vielleicht eher noch neugierig werden und selbst jemand, der fest im Leben steht und für den Drogen kein Thema sind, wird Schwierigkeiten beim Lesen haben, auch wenn es letztendlich aufschlussreich ist.

Alles wirkt sehr wirr, kurze, abgehackte Sätze, teilweise scheinen sie völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Die Sprache ist vulgär, Sex ein großes Thema. Aber auch Gewalt ist an der Tagesordnung. Was man so liest oder auch zwischen den Zeilen durchschimmert, so hat der Schauspieler kaum einen kriminellen Akt ausgelassen und ist dabei doch sehr glimpflich davongekommen. Was ich auch gar nicht verstehen kann, es scheint fast, als wären ihm die Drogen permanent hinterhergeschmissen worden. Das Zeug muss doch teuer sein – stelle ich mir als Unbedarfte jedenfalls vor – wo, um Himmels willen, hatte er die Kohle her?

Auch der lange Entzug, was macht er kaum ein paar Tage später? Geht wieder auf die Suche nach Drogen. Unverständlich. Ich glaube, ich habe den Punkt verpasst, wo es bei ihm dann endlich Klick gemacht hat und er seinen Feldzug gegen das Zeug startete.

Alles in allem, ein mutiges Buch, ehrlich und schonungslos, aber sehr schwierig zu lesen und als Lebenshilfe eher ungeeignet.

Kerstin at Freitag, September 8th, 2017 | Filed under: Biografie,Stehfest, Eric | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Sam Pivnik
Verlag: Theiss Verlag
ISBN-10: 3806234787
Gebundene Ausgabe 280 Seiten
Persönliche
Wertung:
,5

 

Ein Teenager überlebt die Schrecken des Holocaust

Inhalt:

Sam Pivnik ist einer der letzten Zeitzeugen der schrecklichen Verbrechen des Naziregimes. Bei Beginn des Krieges ist er gerade dreizehn, mit siebzehn landet er im KZ Auschwitz, wo er miterleben muss, wie seine gesamte Familie durch Selektion von Dr. Mengele persönlich den Weg in die Vernichtung findet. Oft ist es Glück, was ihn Unmenschliches überleben lässt, wie ein Arbeitslager, den Todesmarsch kurz vor Kriegsende sowie die Bombardierung der „Cap Arcona“. Doch auch das Leben danach wird keineswegs einfacher, die Schrecken des Krieges bleiben stets ein Teil von ihm. Mit fast neunzig Jahren ist er in der Lage, sein Schweigen zu brechen.

Meine Meinung:

Wenn man sich für ein Buch über den Holocaust entscheidet, ist von vornherein klar, dass es keine leichte Lektüre wird. Ich habe schon einiges zum Thema gelesen, aber so hautnah wie in Sam Pivniks Geschichte konnte ich die Schrecken dieser Zeit noch nie nachempfinden. Denn Sam nimmt wahrlich kein Blatt vor den Mund, beschreibt vor allem die Vorgänge in Auschwitz mit einer Nüchternheit, die das Grauen umso deutlicher macht. Oft musste ich hier beim Lesen Pausen einlegen, denn es wird für mich schlicht nie nachvollziehbar sein, was Menschen einander antun können. Man hat natürlich schon über das Gas, über steten Hunger oder willkürliche Erschießungen gelesen, aber bis in alle Einzelheiten dargelegt zu bekommen, wie so ein Tag im Lager wirklich ablief, erschüttert doch bis in die Grundfesten.

Dass es Sam Pivnik immer wieder geschafft hat, sich in der Reihe derjenigen wiederzufinden, die zum Weiterleben (zumindest vorerst) bestimmt waren, grenzt wirklich fast an ein Wunder. Ich konnte seine Gefühle, die Angst und Verzweiflung, das Abwenden von seinem Gott so gut nachvollziehen. Nicht so wirklich verstand ich seine Intention nach all dem Erlebten direkt nach Kriegsende selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen und in den nächsten Krieg zu ziehen. Im Gegensatz dazu verstehe ich seine Wut über die Vertuschungen, die milden Urteile für die Kriegsverbrecher sowie das Unverständnis gegenüber Holocaust-Leugnern nur zu gut.

Sam Pivniks Lebensgeschichte ist außergewöhnlich gut recherchiert und dokumentiert. Die Fotos im Mittelteil verdeutlichen das Grauen sichtbar. Ich finde dieses Buch sehr wichtig, es sollte zur Pflichtlektüre in Schulen werden, weil das Vergessen, was von vielen Seiten propagiert wird, einfach nicht stattfinden darf. Natürlich hat die heutige Generation rein gar nichts mit den damaligen Machthabern zu tun und braucht sich auch keine Schuld einzuräumen. Aber sie sollte wachsam sein, antisemitische Tendenzen bzw. Ausgrenzungen jeder Art rigoros entgegenwirken und begreifen, dass es so etwas wie minderwertiges Leben nicht gibt.

Das Buch ist erschütternd, teilweise schwer verkraftbar, aber ein deutliches Zeugnis, wie der Größenwahn eines Einzelnen auf ein ganzes Volk übergreifen kann. Unbedingt lesen, auch wenn es wehtut.

Ich danke dem Theiss Verlag für die Bereitstellung eines Leseexemplares.

Kerstin at Donnerstag, April 6th, 2017 | Filed under: Biografie,Historisch,Pivnik, Sam | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Jennifer Riemek, Michael Kuhn
Verlag: Ammianus
ISBN-10: 3945025435
Taschenbuch: 208 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Bedrückendes Zeugnis, was Menschen einander antun können

Inhalt:

Jakob Bergmann ist gerade vierzehn Jahre alt, als er 1935 immer mehr unter den an die Macht gekommenen Nationalsozialisten zu leiden hat, die die jüdische Bevölkerung systematisch ausgrenzen und schließlich verfolgen bis hin zur geplanten Ausmerzung. Immer wieder muss er fliehen und im Ausland Unterschlupf suchen. Einzig die Liebe zur ein Jahr jüngeren Annie Vries gibt ihm die Kraft und Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden.

Meine Meinung:

„Wir waren doch so jung“ von Jennifer Riemek und Michael Kuhn ist eine Mischung aus einer berührenden fiktiven Geschichte, die getragen wird von einer großen Liebe, und den durch Zeitzeugen belegten wahren Begebenheiten zur Zeit der Judenverfolgung während des Nationalsozialismus. Erzählt wird hierbei die Geschichte zweier jüdischer Familien aus Aachen von 1934 bis 1945 entnommen den Erinnerungen des knapp über siebzig Jahre alten Jakobs.

Sicher gibt es unzählige Bücher über den Holocaust, aber aus der Sicht eines jüdischen Teenagers erzählt, der all die furchtbaren Dinge hautnah erleben muss, habe ich noch keines gelesen. Gerade für junge Menschen, die zunehmend weniger Möglichkeiten haben, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen, ist dieses Buch eine wahre Fundgrube an Informationen, die gleichzeitig spannend und mit sehr viel Feingefühl vermittelt werden.

Die Hauptfiguren waren mir sofort sympathisch und es ist nach wie vor unfassbar, welchen menschenunwürdigen Repressalien das jüdische Volk ausschließlich aufgrund ihres Glaubens damals ausgesetzt war. Sie waren zwar nicht die einzige verfolgte Bevölkerungsgruppe, dennoch in Ausmaß und Grausamkeit beispiellos. Durch die Perspektive des Jakob betrachtet, ist der Leser hautnah dabei und möchte sich vor Abscheu und Mitgefühl mitunter abwenden, aber genau das sollte er nicht tun, ist doch die Bedrohung Andersdenkender auch in Europa längst wieder salonfähig geworden.

Mich hat die Geschichte von Jakob und Annie, die ca. drei Viertel des Buches einnimmt, tief berührt, mitgerissen und lange nicht losgelassen. Die im letzten Viertel mit Belegen nachgewiesenen Aussagen der Zeitzeugen, die genau die Erlebnisse der fiktiven Figuren widerspiegeln, machen das Ganze auf schreckliche Weise noch eindringlicher. Da nicht nur Aachen Schauplatz ist, sondern auch Städte in Holland und Belgien sowie Frankreich, wird die Ausbreitung der braunen Seuche dem Leser deutlich vor Augen geführt.

Ich würde jedem, der sich ein wenig für das Thema interessiert und nicht den Mantel des Vergessens darüber legen möchte, dieses Buch ausdrücklich empfehlen.

Mir wurde „Wir waren doch so jung“ aus dem Ammianus Verlag von als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Bestellen kannst du es auf direktem Weg hier.

Kerstin at Sonntag, Januar 1st, 2017 | Filed under: Biografie,Historisch,Kuhn, Michael,Riemek, Jennifer,Sachbuch | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Robert Domes
Verlag: cbj
ISBN-10: 3570403289
Taschenbuch 352 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Eines der schwärzesten Kapitel deutscher Geschichte

Zum Inhalt:

Ernst Lossa gehört zu einer Familie fahrender Händler, die im Sommer 1933 durchs bayerische Land zieht. Als die Mutter schwer erkrankt, während der Vater für Geschäfte unterwegs ist, werden ihr die Kinder entrissen. Ernst und seine drei Geschwister landen im Waisenhaus. Der gerade mal Vierjährige entwickelt sich zu einem schwierigen Kind, der einen Hang zum Diebstahl nicht verleugnen kann. Nachdem die Nonnen irgendwann überfordert mit ihm sind, wird er in ein Erziehungsheim abgeschoben. Eine Psychiaterin verpasst ihm hier den Stempel „asozialer Psychopath“, was ihn schließlich in eine psychiatrische Anstalt in Kaufbeuren bringt. Hier endet das viel zu kurze Leben des nicht einmal 15jährigen Ernst mit der Todesspritze. Im Rahmen des Euthanasie-Programmes des Nationalsozialismus wird er als „unwertes Leben“ aus dem Weg geräumt.

Meine Meinung:

Der Journalist und Autor Robert Domes nimmt sich in diesem Buch des Themas Euthanasie im Dritten Reich an – eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte. Über fünf Jahre hat er akribisch recherchiert, Zeitzeugen befragt und so die kurze Lebensgeschichte des Ernst Lossa für die Nachwelt zu Papier gebracht. Sein Einzelschicksal wird zum Präzedenzfall, war er doch weder geistig noch körperlich behindert. Aber er war unbequem, im Weg, ein notorischer Dieb, eigensinnig und hatte die falschen Wurzeln, auf jeden Fall aber genug Voraussetzungen, um vom NS-System verfolgt und gnadenlos zum Schweigen gebracht zu werden. Er steht dabei für die mindestens 200.000 überwiegend namenloser Opfer, die zwischen 1939 und 1945 von den Nazis auf verschiedenste Art ermordet wurden.

Robert Domes hat aus Ernsts Geschichte keine trockene Dokumentation gemacht, sondern einen biografischen Roman geschrieben. Dabei wählt er eine Perspektive, die den Leser zu ca. neunzig Prozent direkt an Ernsts Seite stellt. Er erlebt hautnah mit, was der Junge fühlt, denkt und auch erleiden muss. Das ist nicht immer einfach, das Grauen in dieser Zeit war unvorstellbar. Aber es gibt auch schöne Momente, in denen Ernst glücklich ist. Wenn er an die Zeit mit seiner Familie zurückdenkt, die Streiche mit seinen Freunden, seine erste Verliebtheit. Er ist kein Held, einfach ein normaler Junge, der sich zeit seines Lebens nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt. Der intelligent genug ist, das Grauen zu durchschauen, was ihn wahrscheinlich auch das Leben gekostet hat.

Das Buch kann Jugendlichen wie Erwachsenen gleichermaßen empfohlen werden, die sich für dieses Thema interessieren. Gerade für Jugendliche, denen das Vokabular im Zweiten Weltkrieg nicht mehr so präsent sein dürfte, erklärt ein Glossar im Anhang leicht verständlich alle Begriffe. Jede der Figuren des Romanes hat tatsächlich existiert, wenn die Namen auch teilweise verfälscht wurden. Gerade diese Authentizität macht die Geschichte umso schockierender, je länger man sich damit beschäftigt. Dennoch finde ich es äußert wichtig, dieses dunkle Kapitel nicht totzuschweigen, vor allem in einer Zeit, wo das braune Geschwür wieder zunehmend Nahrung bekommt. Das Thema ist aktuell wie nie.

Auch wenn ich den Film zum Buch, der Ernsts letzte Jahre in Kaufbeuren behandelt und damit nur einen ganz kleinen Teil dieses Roman, noch nicht gesehen habe, möchte ich bereits eine Empfehlung auch dafür aussprechen. Seht euch „Nebel im August“ unbedingt an. Diese Neuauflage des Buches vom Oktober 2016 enthält zahlreiche exklusive Filmfotos.

Ich danke dem cbj-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Kerstin at Freitag, November 18th, 2016 | Filed under: All Age/Jugend,Biografie,Domes, Robert,Historisch | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Sven Hannawald mit Ulrich Pramann
Verlag: Zabert Sandmann Verlag
ISBN-10: 3898833879
Gebundene Ausgabe 216 Seiten
Persönliche
Wertung:

 

 

Der Absturz einer Legende

Inhalt:

Mit dem Sieg in allen vier Springen der Vierschanzentournee 2001/2002 gelang Sven Hannawald das fast Unmögliche. Nie zuvor und auch danach nicht mehr war dies einem Skispringer gelungen. Eine Legende war geboren. Doch der Leistungsdruck wurde zu hoch und der Sportler schlitterte direkt in eine massive Burn-out-Erkrankung. Inzwischen steht er mit beiden Beinen wieder im Leben und gibt einen Einblick in seine schwerste Zeit.

Meine Meinung:

Inzwischen hat es etwas nachgelassen, aber zur aktiven Zeit von Sven Hannawald war ich großer Fan dieser Sportart und habe mir kein Springen entgehen lassen. Der sympathische Überflieger wurde auch schnell zu meinem absoluten Favoriten und der Grand Slam bei der Vierschanzentournee war einer der größten sportlichen Höhepunkte, die ich bisher miterleben durfte. Keine Frage, dass ich deshalb an der Biografie dieses herausragenden Sportlers sehr interessiert war.

Das Buch bietet vor allem sportlich interessierten Lesern einen tiefen Einblick in die Sportart Skispringen, von der Entstehungsgeschichte, über das Sprung- bzw. Fluggefühl an sich bis hin zu physikalischen Zusammenhängen. Selbst ein Kind der DDR fand ich besonders die prägenden Jahre in der „Kaderschmiede“ sehr interessant, habe ich doch im persönlichen Umfeld in meiner Kindheit auch so einiges aus dem Bereich der Sportförderung (allerdings im Schwimmsport) mitbekommen.

Aufschlussreich fand ich die Rückkehr von Sven an bedeutende Stationen seiner Karriere und das zu Wort kommen von wichtigen Wegbegleitern sowie seiner Eltern, das im Buch übrigens sehr schön mit Fotos dokumentiert ist. Natürlich darf in so einem Buch auch der Blick auf die großen Erfolge nicht fehlen. Das Thema, das mich allerdings am meisten interessiert hatte, nämlich sein Burn-out, wird leider relativ kurz abgehandelt, wobei das Interview mit Svens Psychotherapeutin Nora Maasberg noch am informativsten war.

Was mir bei allem ein wenig fehlt, ist der echte Sven. Es wird bei den meisten Themen nur an der Oberfläche gekratzt. Alles wirkt sehr nüchtern, beinahe sachlich.

Sven scheint nach wie vor sehr verschlossen, als würde er jede private Information nur sehr widerwillig preisgeben. Natürlich ist das nicht jedermanns Sache, aber gerade in einer Biografie erwarte ich so etwas. Die wenigen dann doch eingestreuten Details, was private Beziehungen angeht, sorgen eher für Verwirrung.

Allen, die sich hauptsächlich für den Sportler Sven Hannawald interessieren, kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen. Sein Lebens- und Leidensweg ist gut nachzuvollziehen und ich bin sehr froh, dass seine Landung im Leben geglückt ist.

Kerstin at Samstag, September 21st, 2013 | Filed under: Biografie,Hannawald, Sven | RSS 2.0 | TB | No Comments

Gerade habe ich euch noch erzählt, dass ich bei vorablesen an der Verlosung der Hannawald-Biografie teilnehmen möchte, und schon gestern ist das Buch bei mir gelandet, noch bevor ich überhaupt freudig berichten konnte, dass es geklappt hat.

Und damit ihr nicht denkt, ich flunkere euch etwas vor, hier auch ein Beweisfoto inkl. der erwähnten Tasse. Da werde ich mir jetzt einen schönen Kaffee gönnen, das Buch auspacken und schon mal einen ersten Blick hineinwerfen. Das Wochenende ist schon anders verplant, aber danach wird das Buch gelesen und natürlich auch rezensiert.

hannibio

Kerstin at Freitag, September 6th, 2013 | Filed under: Biografie,Gewinnspiel,Neu eingetroffen | RSS 2.0 | TB | No Comments

 

Autor:

Sonia Rossi
Verlag: Ullstein
ISBN-10: 3548372643
Taschenbuch 288 Seiten
Persönliche
Wertung:
ausgelesen am: 18.12.2010

 

 

Interessanter Einblick ins Milieu – aber nicht mehr

Inhalt:

Sonia Rossi kommt aus Italien und möchte in Berlin Mathematik studieren. Allein, es fehlt ihr an Barem. Ihren einzigen Ausweg sieht sie darin, sich zu prostituieren. Ihre ständige Gratwanderung zwischen zwei Welten, dem mit ihren Kommilitonen an der Uni und dem mit ihren Kolleginnen in den verschiedensten Bordells beschreibt sie in diesem Buch.

Meine Meinung:

Einen großen Vorteil hat diese Autobiografie, sie liest sich recht flott weg. Aber große Tiefe sollte man nicht erwarten. Die Handlungen der Figur, die ja nun einer realen Person entspricht, sind meist sehr schwer nachzuvollziehen. Da sie ihr Studium ganz gut hinbekommt, scheint sie ja nicht dumm zu sein, in vielen Situationen wirkt sie jedoch grenzenlos naiv. Völlig unverständlich ist mir, wie sie ihren Loser von Mann über die Jahre durchfüttert. Mag es an ihren italienischen Wurzeln liegen, dass sie sich so wenig zur Wehr setzt? Keine Ahnung, man wird aus dieser Person nicht schlau.

Ihre Berichte aus den verschiedenen Massagesalons und Puffs mögen teilweise interessant sein, einige Storys regen auch zum Lachen an, gehen aber kaum in die Tiefe. Am Ende fragt man sich nur, warum so viele Studenten es wohl mit normalen Jobs schaffen, durch ihr Studium zu kommen, wenn es so ganz und gar unmöglich erscheint, oder ob es letzten Endes für Frau Rossi einfach der bequemste Weg war.

Kerstin at Donnerstag, Mai 23rd, 2013 | Filed under: Biografie,Erotik | RSS 2.0 | TB | No Comments
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